15 Jahre bis zum Traum: Warum gute Geschichten manchmal Zeit brauchen
Viele Menschen tragen eine Geschichte in sich. Manche schreiben sie auf, andere erzählen sie ihren Kindern vor dem Einschlafen und wieder andere lassen sie jahrelang in einer Schublade liegen. Doch was passiert, wenn aus einer einzigen Idee eine ganze Welt entsteht – mit eigenen Figuren, Abenteuern und Illustrationen?
Genau diesen Weg ist Thomas Forat gegangen. Der Autor, Illustrator, Maler und kreative Allrounder erzählte im Interview beim Bookerfly Umsetzungskongress mit Jennifer B. Wind, wie aus einer spontanen Idee nach vielen Jahren schließlich eine erfolgreiche Kinderbuchreihe wurde.
Seine Geschichte zeigt eindrucksvoll: Kreativität kennt keine festen Wege. Und manchmal braucht eine gute Idee genau die Zeit, die sie braucht.
„Eine Geschichte wird nicht dadurch groß, dass sie schnell entsteht – sondern dadurch, dass sie wachsen darf.“
Kreativität beginnt oft mit einer einzigen Idee
Thomas Forat beschreibt sich selbst als jemanden, bei dem Ideen plötzlich auftauchen. Nicht geplant. Nicht vorbereitet. Sondern einfach da.
Vor rund 15 Jahren entstand so die Idee zu seinem kleinen Falken Abel. Innerhalb kürzester Zeit hatte er nicht nur die Handlung vor Augen, sondern gleich die gesamte Welt mit ihren Figuren.
Viele Autorinnen und Autoren kennen dieses Gefühl. Plötzlich entwickelt sich aus einem kleinen Gedanken ein komplettes Universum.
Der wichtigste Schritt besteht dann darin, diese Idee festzuhalten, auch wenn noch gar nicht klar ist, ob daraus später einmal ein Buch wird. Denn jede große Geschichte beginnt mit einem einzigen Gedanken.
„Jede große Buchwelt beginnt mit einer einzigen Idee, die jemand ernst genommen hat.“
Warum manche Bücher viele Jahre brauchen
Heute erleben wir häufig den Eindruck, dass Bücher in wenigen Monaten entstehen. Doch kreative Prozesse verlaufen selten geradlinig. Auch bei Thomas Forat vergingen viele Jahre zwischen der ersten Idee und der Veröffentlichung. Nicht, weil die Geschichte schlecht gewesen wäre. Sondern weil sich die richtige Form erst entwickeln musste.
Zunächst schrieb er den Text. Die Illustrationen traute er sich damals noch nicht selbst zu. Erst viele Jahre später wagte er den nächsten Schritt. Er lernte digitales Zeichnen, studierte Animationstechniken, analysierte Disney- und Pixar-Filme und entwickelte Schritt für Schritt seinen eigenen Illustrationsstil.
Gerade diese Entwicklung zeigt: Kreativität bedeutet auch, sich selbst immer wieder neue Fähigkeiten anzueignen.
Schreiben und Illustrieren sind zwei völlig unterschiedliche Welten
Viele glauben, wer gut malen kann, könne automatisch auch Kinderbücher illustrieren. Doch genau hier liegt ein großer Unterschied. Ein einzelnes Gemälde erzählt einen Moment. Eine Illustration erzählt eine Geschichte.
Eine Figur muss aus jeder Perspektive wiedererkennbar bleiben. Sie muss Emotionen zeigen. Sie muss sich bewegen können. Und sie muss über viele Seiten hinweg konsistent aussehen.
Gerade deshalb arbeitete Thomas Forat zunächst den gesamten Text fertig aus, bevor er mit den Illustrationen begann. Denn während des Schreibens verändern sich Figuren häufig noch. Erst wenn die Geschichte wirklich steht, lohnt sich der aufwendige Illustrationsprozess.
„Illustrationen zeigen nicht nur Figuren – sie geben Geschichten ein Gesicht.“
Figuren entstehen nicht zufällig
Einer der spannendsten Einblicke aus dem Interview betrifft die Entwicklung der Charaktere. Abel ist kein gewöhnlicher Falke. Er ist eine Mischung aus Wanderfalke und Ara-Papagei. Seine ungewöhnliche Herkunft macht ihn sofort unverwechselbar.
Doch interessante Figuren entstehen nicht nur durch ihr Aussehen. Sie brauchen Persönlichkeit. Sie brauchen Freunde. Sie brauchen Konflikte.
In Abels Welt begegnen wir unter anderem:
- einer cleveren Spitzmaus,
- mutigen Waldbewohnern,
- einer erfahrenen Möwe,
- verschiedenen Vogelarten,
- sportlichen Wettkämpfen und
- einer Geschichte über Freundschaft, Familie und Zusammenhalt.
Genau diese Mischung macht Kinderbücher lebendig. Kinder lieben Figuren, mit denen sie lachen, mitfiebern und mitwachsen können.
Recherche macht Fantasie glaubwürdig
Obwohl Abels Welt voller Fantasie steckt, basiert sie auf erstaunlich vielen echten Fakten.
Thomas Forat recherchierte intensiv über:
- Vogelarten,
- Fluggeschwindigkeiten,
- Flugtechniken,
- Anatomie,
- Verhaltensweisen,
- Lebensräume.
Sogar Gespräche mit Falknern flossen in seine Arbeit ein.
Warum ist das wichtig? Weil glaubwürdige Details selbst fantastische Geschichten realistischer wirken lassen.
Leser – und besonders Kinder – merken sehr schnell, wenn eine Welt in sich logisch aufgebaut ist.
Gerade deshalb lohnt sich Recherche auch in Fantasy- oder Kinderbüchern.
„Fantasie funktioniert am besten, wenn sie auf einem glaubwürdigen Fundament steht.“
Der Weg zum Verlag beginnt oft mit den richtigen Menschen
Viele angehende Autorinnen und Autoren fragen sich, wie sie einen Verlag finden. Die Geschichte von Thomas Forat zeigt sehr schön: Manchmal entstehen Chancen durch Begegnungen.
Nachdem sein Manuskript zunächst lange unbeachtet blieb, lernte er über seine Arbeit in der Filmbranche den Regisseur Marco Serafini kennen. Dieser erkannte das Potenzial der Geschichte und stellte den Kontakt zu einer Literaturagentur her. Von dort führte der Weg schließlich zum Maximum Verlag.
Eine wichtige Erkenntnis daraus lautet: Nicht jede Absage bedeutet das Ende.
Und manchmal fehlt einer Geschichte nicht die Qualität, sondern lediglich der richtige Ansprechpartner.
„Geduld ist oft der wichtigste Begleiter auf dem Weg zum eigenen Buch.“
Zusammenarbeit statt Einzelkampf
Viele Autoren haben Sorge davor, die Kontrolle über ihr Buch zu verlieren. Thomas Forat beschreibt seine Zusammenarbeit mit dem Verlag dagegen als echten Austausch. Konstruktive Kritik gehört dazu. Ebenso das gemeinsame Weiterentwickeln der Geschichte.
Gerade bei Kinderbüchern profitieren Texte und Illustrationen davon, wenn mehrere Menschen ihre Erfahrungen einbringen. Ein gutes Lektorat möchte eine Geschichte nicht verändern. Es möchte ihr helfen, ihr volles Potenzial zu entfalten.
Kinderbücher dürfen unterhalten – und gleichzeitig Werte vermitteln
Abels Abenteuer bestehen nicht nur aus spannenden Rennen. Zwischen den Zeilen geht es um Themen, die Kinder ihr ganzes Leben begleiten.
Dazu gehören:
- Freundschaft
- Familie
- Zusammenhalt
- Mut
- Vertrauen
- Fairness
Genau diese Verbindung macht gute Kinderliteratur aus. Kinder möchten spannende Geschichten erleben. Eltern freuen sich darüber, wenn dabei ganz nebenbei wichtige Werte vermittelt werden.
Beides schließt sich nicht aus. Im Gegenteil.
Die schönsten Kinderbücher schaffen genau diese Balance.
Große Geschichten entstehen mit Geduld und Leidenschaft
Der Weg von Thomas Forat zeigt eindrucksvoll, dass Kreativität keine geradlinige Reise ist. Manchmal vergehen Jahre zwischen der ersten Idee und dem fertigen Buch. Manchmal braucht es neue Fähigkeiten. Neue Kontakte. Neue Erfahrungen.
Doch wenn eine Geschichte wirklich erzählt werden möchte, findet sie ihren Weg.
Wer schreibt, sollte sich deshalb nicht unter Druck setzen. Lass deine Ideen wachsen. Trau dich, Neues zu lernen. Und gib deiner Geschichte die Zeit, die sie verdient. Denn genau daraus entstehen Bücher, die Kinder viele Jahre begleiten.
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