Dein Buch verdient Aufmerksamkeit: So schaffst du es in Zeitung und Medien
Du hast dein Buch geschrieben. Das Cover steht. Die Veröffentlichung ist geplant oder bereits gelaufen. Vielleicht hast du auf Instagram gepostet, einen Newsletter verschickt und dein Buch im Freundeskreis bekannt gemacht.
Und dann kommt diese Frage: Wie schaffe ich es eigentlich in eine Zeitung, ein Magazin oder ein anderes Medium?
Viele Autorinnen und Autoren machen an dieser Stelle einen entscheidenden Fehler. Sie glauben, die Veröffentlichung ihres Buches sei bereits die Geschichte. „Ich habe ein neues Buch geschrieben“ reicht für eine Redaktion aber meistens nicht.
Im Bookerfly Umsetzungskongress hat Jennifer B. Wind mit dem freien Journalisten Christian Scherle darüber gesprochen, wie Redaktionen arbeiten, wie Themen ausgewählt werden und was Autor:innen tun können, damit ihr Buch für Journalist:innen überhaupt interessant wird.
Christian arbeitet seit vielen Jahren als Journalist und schreibt über sehr unterschiedliche Themen – von Wirtschaft über Medizin und Psychologie bis Reise und Lifestyle. Seine wichtigste Botschaft für Autor:innen lässt sich ziemlich klar zusammenfassen:
„Verkaufe der Presse nicht dein Buch. Verkaufe die Geschichte hinter deinem Buch.“
Dein Buch allein ist noch keine Nachricht
Für dich ist die Veröffentlichung deines Buches ein großes Ereignis. Für eine Redaktion zunächst nicht unbedingt. Journalist:innen bekommen regelmäßig Hinweise auf Bücher, Veranstaltungen, Unternehmen, Experten und Projekte. Wer wahrgenommen werden möchte, muss deshalb eine andere Frage beantworten: Warum sollte dieses Thema gerade für die Leserinnen und Leser dieses Mediums interessant sein?
Genau hier beginnt gute Pressearbeit.
- Vielleicht steckt in deinem Roman ein gesellschaftlich relevantes Thema.
- Vielleicht hast du selbst eine ungewöhnliche Geschichte.
- Vielleicht spielt dein Buch an einem Ort, der gerade in den Nachrichten ist.
- Vielleicht hast du für deinen Roman monatelang zu einem Thema recherchiert, das aktuell diskutiert wird.
Ein Liebesroman kann beispielsweise Mobbing behandeln. Ein Thriller kann sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen. Ein historischer Roman kann an ein Jubiläum oder einen Jahrestag anknüpfen. Ein Sachbuch kann eine aktuelle gesellschaftliche Diskussion aufgreifen.
Das Buch ist dann nicht zwingend die Nachricht. Es ist der Anlass.
„Pressearbeit beginnt nicht mit der Frage: Wie bekomme ich mein Buch in die Zeitung? Sie beginnt mit der Frage: Welche Geschichte kann ich der Redaktion anbieten?“
Denke wie ein Journalist – nicht wie ein Autor
Christian beschreibt im Gespräch, dass Themen häufig in Redaktionssitzungen entstehen. Es gibt beispielsweise einen Schwerpunkt wie künstliche Intelligenz, Gesundheit, Reisen oder Wirtschaft. Dann überlegt die Redaktion:
- Welche Geschichte können wir dazu erzählen?
- Welche Experten brauchen wir?
- Welche Menschen haben etwas Interessantes dazu zu sagen?
Und genau dort kann eine Autorin oder ein Autor plötzlich relevant werden. Stell dir vor, du hast einen Roman geschrieben, in dem künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle spielt. Eine Redaktion plant gerade einen Themenschwerpunkt zu KI. Dann bist du möglicherweise nicht interessant, weil du einen Roman veröffentlicht hast. Du bist interessant, weil du dich intensiv mit einem Thema beschäftigt hast, das die Redaktion gerade braucht.
Das verändert deine Pressearbeit komplett. Statt: „Mein neuer Roman ist erschienen.“ könnte dein Ansatz lauten: „Für meinen neuen Thriller habe ich sechs Monate zu der Frage recherchiert, was passiert, wenn KI Entscheidungen trifft, für deren Folgen später niemand Verantwortung übernehmen möchte.“
Plötzlich gibt es eine Geschichte.
Recherchiere zuerst das Medium
Einer der praktischsten Tipps aus dem Gespräch lautet: Schau dir die Zeitung, Zeitschrift oder Website genau an, bevor du jemanden anschreibst.
- Welche Themen erscheinen dort?
- Welche Rubriken gibt es?
- Welche Artikel hat der Journalist bereits geschrieben?
- Welcher Ton wird verwendet?
- Welche Geschichten passen offenbar gut zum Publikum?
Das klingt selbstverständlich. In der Praxis passiert es erstaunlich selten. Massenmails sind einfacher. Aber eine persönliche, gut vorbereitete Anfrage hat einen entscheidenden Vorteil: Der Journalist merkt, dass du verstanden hast, für wen er schreibt.
„Je weniger Arbeit eine Redaktion mit deiner Idee hat, desto größer wird die Chance, dass sie sich damit beschäftigt.“
Das bedeutet nicht, dass du bereits den fertigen Artikel liefern sollst. Aber du solltest die Brücke bauen. Zeige: Darum passt mein Thema genau zu euch.
Der beste Presse-Pitch ist kurz
Journalist:innen haben wenig Zeit. Christian beschreibt im Gespräch sehr deutlich, dass Redaktionen keine seitenlangen Erklärungen brauchen. Das gilt besonders für die erste Kontaktaufnahme. Dein Pitch sollte deshalb möglichst schnell beantworten:
- Wer bist du?
- Was ist die Geschichte?
- Warum ist sie interessant?
- Warum passt sie gerade zu diesem Medium?
- Warum bist du ein guter Gesprächspartner?
- Und wie kann man dich erreichen?
Nicht mehr. Du brauchst keine dreiseitige Zusammenfassung deines Romans. Du brauchst einen Aufhänger. Ein Beispiel:
Schwach: „Ich möchte Ihnen gerne meinen neuen Roman vorstellen. Er ist 380 Seiten lang und handelt von Anna, die nach dem Tod ihrer Mutter zurück in ihr Heimatdorf zieht.“
Interessanter für eine Redaktion: „Warum kehren immer mehr Menschen nach Jahren in der Großstadt zurück aufs Land? Genau diese Entwicklung bildet den Hintergrund meines neuen Romans. Für das Buch habe ich mit Rückkehrern gesprochen und ihre Erfahrungen verarbeitet.“
Jetzt gibt es neben dem Buch plötzlich ein Thema.
Finde den journalistischen Aufhänger deines Buches
Wenn du Pressearbeit für dein Buch machen möchtest, nimm dir dein Manuskript oder dein Exposé und suche nach möglichen journalistischen Themen.
Du kannst dafür fünf Bereiche prüfen:
- Das Thema des Buches: Welche gesellschaftliche Frage steckt darin?
- Deine persönliche Geschichte: Warum hast ausgerechnet du dieses Buch geschrieben?
- Deine Recherche: Mit welchen ungewöhnlichen Themen hast du dich beschäftigt?
- Der Schauplatz: Gibt es einen regionalen Bezug?
- Der Zeitpunkt: Passt dein Buch zu einem aktuellen Ereignis, Jubiläum, Trend oder Diskussionsthema?
Gerade der regionale Bezug wird häufig unterschätzt. Für eine Lokalzeitung kann bereits interessant sein, dass eine Autorin oder ein Autor aus der Region einen Roman veröffentlicht, der an einem bekannten Ort spielt. Für ein großes überregionales Medium reicht das möglicherweise nicht. Pressearbeit bedeutet deshalb auch: Für jedes Medium einen passenden Blickwinkel finden.
Gute Überschriften entscheiden, ob wir weiterlesen
Christian macht im Gespräch noch auf einen Punkt aufmerksam, den Autor:innen sehr gut kennen sollten: Die Überschrift entscheidet oft darüber, ob ein Artikel überhaupt gelesen wird. Dasselbe gilt für deine Presseanfrage.
Die Betreffzeile deiner E-Mail ist im Grunde deine erste Headline. „Pressemitteilung zu meinem neuen Buch“ dürfte wenig Neugier erzeugen.
Besser wäre beispielsweise: Warum immer mehr Frauen mit 50 noch einmal ganz von vorne anfangen
oder: Was ein Kriminalroman über die dunkle Seite der Pflegebranche erzählt
Natürlich muss die Überschrift halten, was sie verspricht. Eine sensationelle Betreffzeile, hinter der nichts steckt, hilft dir nicht.
„Eine gute Überschrift macht neugierig. Eine schlechte verspricht mehr, als die Geschichte halten kann.“
Das gilt für Zeitungen ebenso wie für Buchmarketing.
Journalistische Kontakte entstehen langfristig
Christian erzählt auch von seiner eigenen Laufbahn als freier Journalist. Zu Beginn schrieb er Redaktionen an. Später entstand ein Netzwerk. Redakteur:innen wechselten zu anderen Medien und nahmen Kontakte mit. Empfehlungen kamen hinzu. Genau dieses Prinzip kannst du auch für deine Buch-PR nutzen.
Pressearbeit sollte nicht erst drei Tage vor deiner Veröffentlichung beginnen. Baue Kontakte langfristig auf. Lies Artikel. Folge Journalist:innen, die regelmäßig über deine Themen schreiben. Reagiere gelegentlich sinnvoll auf Beiträge. Merke dir, wer über welche Themen berichtet. Wenn du dann irgendwann tatsächlich eine passende Geschichte hast, bist du nicht vollkommen unvorbereitet.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, Journalist:innen monatelang mit Nachrichten zu bombardieren. Es bedeutet, Medien aufmerksam zu beobachten.
Was Autor:innen vom journalistischen Schreiben lernen können
Das Gespräch mit Christian ist auch aus einem anderen Grund spannend. Journalistisches Schreiben trainiert etwas, womit viele Autor:innen kämpfen: Kürzen.
Zeitungsartikel haben häufig klare Zeichenvorgaben. Alles Überflüssige muss raus. Christian sagt sinngemäß: Je kürzer ein Text sein muss, desto schwieriger wird das Schreiben. Das klingt zunächst paradox. Doch jeder, der schon einmal versucht hat, einen Roman in drei Sätzen zusammenzufassen, kennt das Problem. Kurze Texte zwingen dich zur Entscheidung:
- Was ist wirklich wichtig?
- Was kann weg?
- Welche Information braucht mein Leser?
- Welche Formulierung trägt nichts bei?
Diese Fähigkeit hilft nicht nur bei Pressemitteilungen.
Sie verbessert auch Romanmanuskripte.
Die 5-Satz-Übung für deinen Presse-Pitch
Hier ist eine kleine Bookerfly-Übung, die du sofort ausprobieren kannst. Beschreibe dein Buch in genau fünf Sätzen:
Satz 1: Worum geht es gesellschaftlich oder emotional?
Satz 2: Warum ist das Thema gerade interessant?
Satz 3: Was macht deine Perspektive besonders?
Satz 4: Warum passt dieses Thema zum ausgewählten Medium?
Satz 5: Was kannst du anbieten – Interview, Rezensionsexemplar, Hintergrundgespräch oder Gastbeitrag?
Danach streichst du alles, was nicht zwingend gebraucht wird. Wenn du diese fünf Sätze beherrschst, hast du die Grundlage für deine Pressearbeit.
Und wie zuverlässig ist KI bei der Recherche?
Christian nutzt KI beispielsweise, um sich bei neuen Themen schneller einen Überblick zu verschaffen oder mögliche Interviewfragen zu entwickeln. Gleichzeitig macht er deutlich, dass Informationen überprüft werden müssen. Gerade für Autor:innen und Journalist:innen ist das entscheidend.
Nutze KI als Denkpartner. Aber verwechsle eine plausible Antwort nicht mit einer geprüften Quelle. Suche Originalquellen. Sprich mit Fachleuten. Vergleiche Informationen. Und wenn du selbst aufgrund deiner Recherche in die Presse möchtest, solltest du deine Aussagen belegen können.
Das macht dich auch für Journalist:innen zu einem wesentlich interessanteren Gesprächspartner.
Dein Buch braucht eine Geschichte außerhalb seiner Seiten
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus diesem Gespräch. Wenn du dein Buch in die Presse bringen möchtest, musst du für einen Moment aufhören, nur wie seine Autorin oder sein Autor zu denken. Betrachte dein Buch mit journalistischen Augen.
- Was daran betrifft andere Menschen?
- Was überrascht?
- Was ist aktuell?
- Was löst eine Diskussion aus?
- Welche Geschichte steckt hinter der Geschichte?
Genau dort beginnt Pressearbeit. Nicht mit: „Bitte berichten Sie über mein Buch.“
Sondern mit: „Ich glaube, ich habe eine Geschichte, die für Ihre Leser interessant sein könnte.“
Das ist ein großer Unterschied. Und möglicherweise genau der Unterschied zwischen einer ungelesenen E-Mail und einem Anruf aus der Redaktion.
Dein nächster Schritt
Nimm dein aktuelles Buch und schreibe zehn mögliche Pressethemen auf. Nicht zehn Varianten von: „Mein Buch ist erschienen.“ Sondern zehn echte Geschichten.
Suche anschließend drei Medien, zu denen jeweils eine dieser Geschichten passen könnte.
Erst dann formulierst du deinen Pitch. So wird aus wahlloser Pressearbeit eine gezielte Strategie.
„Dein Buch bringt dich nicht automatisch in die Presse. Die Geschichte, die du rund um dein Buch erzählen kannst, schon eher.“
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