Zwischen Wissenschaft und Leben: Warum Crossover-Bücher Leser:innen tief berühren

Es gibt Bücher, die lassen sich nicht sauber einordnen. Sie sind kein klassischer Roman. Kein reines Sachbuch. Kein Tagebuch. Und genau darin liegt ihre Kraft.

Im Bookerfly Umsetzungskongress hat Eva Maria Nielsen mit Autorin Anja Oswald über ihr Buch „Immer mehr von weniger“ gesprochen – ein Werk über Demenz, Erinnerung und Identität. Und über etwas, das viele Schreibende bewegt: das Crossover von persönlicher Lebensgeschichte und sachlichem Wissen.

Dieses Gespräch war mehr als ein Interview. Es war ein Blick hinter die Kulissen eines Schreibprozesses, der Mut braucht – und Haltung.

„Ich bin eigentlich eine Wanderin zwischen den Welten.“
– Anja Oswald


Crossover schreiben: Was bedeutet das eigentlich?

Crossover-Texte bewegen sich bewusst zwischen den Genres. Sie verbinden:

  • persönliche Erfahrungen
  • wissenschaftliche oder sachliche Inhalte
  • philosophische oder gesellschaftliche Fragen

Im Fall von Anja Oswald:
die Demenzerkrankung ihrer Mutter, neuro­wissenschaftliche Erkenntnisse, kulturwissenschaftliche Perspektiven – und die Rolle der Tochter mittendrin.

Das Ergebnis ist kein belehrendes Sachbuch. Und auch kein reines Memoir. Sondern ein erzählendes Sachbuch, das Leser:innen emotional erreicht und geistig fordert.

„Die spannendsten Geschichten lassen sich heute kaum noch klar trennen.“


Persönlich schreiben, ohne sich zu verlieren

Eine der größten Herausforderungen beim autobiografischen Schreiben ist die Nähe. Zu nah dran – und der Text wird zur Selbsttherapie. Zu distanziert – und er verliert seine Wahrheit.

Anja hat sehr offen darüber gesprochen, wie sie zunächst Tagebuchnotizen schrieb, ohne Buchabsicht. Erst später entstand daraus Material. Viel Material. Zu viel Material. Der entscheidende Schritt war nicht das Schreiben, sondern das Überarbeiten mit Abstand.

  • eine externe Lektorin
  • ehrliches Feedback
  • mutiges Streichen

Gerade bei sensiblen Themen wie Krankheit, Familie oder Scham braucht es jemanden von außen.

„Ich wusste selbst nicht mehr, wo ich zu nah bin.“

Merke: Nähe erzeugt Tiefe – Abstand erzeugt Klarheit.


Tabus sichtbar machen: Warum Crossover-Texte so wichtig sind

Demenz ist kein leichtes Thema. Noch schwieriger sind die Gefühle, die Angehörige erleben: Ekel, Wut, Überforderung, Schuld.Viele Bücher brechen genau dort ab. Anja ist bewusst weitergegangen. Sie spricht über Gedanken, die man kaum laut auszusprechen wagt. Und genau das macht ihr Buch so wertvoll.

„Es ist okay, diese Gefühle zu haben. Nicht, weil sie schön sind, sondern weil sie menschlich sind.“

Crossover-Texte können genau das leisten: Sie geben Sprache für Erfahrungen, die sonst im Verborgenen bleiben.


Wissenschaft verständlich erzählen, ohne belehrend zu wirken

Ein weiterer Balanceakt: Sachwissen. Anja nutzt wissenschaftliche Erkenntnisse nicht, um zu beeindrucken.
Sondern um zu verstehen. Gedächtnisforschung. Identität. Neurobiologie. Alles fließt ein: fragmentarisch, erzählerisch, eingebettet in persönliche Szenen.

Besonders spannend: ihr kritischer Umgang mit populären Thesen, etwa zur Frage, ob Demenz „vermeidbar“ sei.

„Wenn es so einfach wäre, könnten wir die ganze Demenzforschung einstellen.“

Ein wichtiger Punkt, gerade für Sachbuchautor:innen: Du darfst Haltung zeigen. Du darfst widersprechen. Du musst nicht alles glattbügeln.


Praktische Tipps für Autor:innen, die Crossover schreiben wollen

Wenn du selbst mit dem Gedanken spielst, persönliche und sachliche Inhalte zu verbinden, nimm das aus dem Gespräch mit:

1. Sammle erst – strukturiere später
Tagebücher, Notizen, Gedankenfetzen sind Gold wert.

2. Trenne Rohmaterial und Buchtext
Nicht alles, was wahr ist, gehört ins Buch.

3. Hole dir früh Feedback von außen
Lektorat ist kein Luxus, sondern Orientierung.

4. Erlaube dir Unschärfe im Genre
Leser:innen wollen Resonanz – keine Schublade.

5. Bewahre deinen ethischen Kompass
Gerade bei realen Personen ist Verantwortung entscheidend.


Schreiben als Brücke

Crossover-Bücher bauen Brücken. Zwischen Ich und Welt. Zwischen Wissen und Gefühl. Zwischen Autor:in und Leser:in.

„Erinnerung ist das, was unsere Identität formt.“

Und vielleicht ist Schreiben genau das: der Versuch, Erinnerung festzuhalten, bevor sie sich auflöst.


„Die stärksten Bücher entstehen dort, wo persönlicher Mut auf inhaltliche Klarheit trifft.“

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