Geschichte lebendig machen: So schreibst du historische Romane, die glaubwürdig wirken

Du möchtest einen historischen Roman schreiben, hast aber natürlich nie im Wien des 19. Jahrhunderts gelebt, bist keinem Wikinger begegnet und kannst auch niemanden mehr fragen, wie sich das Leben vor mehreren Jahrhunderten wirklich angefühlt hat? Genau darin liegt die Herausforderung. Und gleichzeitig der Reiz.

Der Autor und Drehbuchautor Bastian Zach schreibt seit vielen Jahren historische Stoffe. Gemeinsam mit Matthias Bauer entstanden Romane und Drehbücher, daneben schreibt Zach historische Kriminalromane und beschäftigt sich intensiv mit vergangenen Epochen.

Im Gespräch beim Bookerfly Umsetzungskongress wurde schnell deutlich: Ein überzeugender historischer Roman entsteht nicht dadurch, dass du möglichst viele Jahreszahlen und Fakten sammelst. Entscheidend ist etwas anderes.

Recherche und Geschichte müssen sich gegenseitig befruchten.

Du recherchierst, entdeckst etwas Spannendes und veränderst dadurch vielleicht deine Handlung. Während des Schreibens merkst du wiederum, welche Informationen dir noch fehlen, recherchierst erneut und entwickelst deine Geschichte weiter.

„Gute Recherche liefert dir nicht nur Antworten. Manchmal liefert sie dir erst die Geschichte.“

Historische Recherche ist kein Schritt vor dem Schreiben

Vielleicht kennst du diese Vorstellung: Erst recherchierst du alles. Dann schließt du die Bücher, öffnest dein Schreibprogramm und beginnst mit dem Roman. In der Praxis funktioniert das häufig anders.

Bastian Zach beschreibt Recherche und Schreiben als einen Prozess, der sich immer wieder miteinander verbindet. Historische Persönlichkeiten können Figuren inspirieren. Reale Schauplätze bringen neue Ideen hervor. Technische Entwicklungen können plötzlich entscheidend für den Plot werden.

Das ist besonders wichtig, wenn du selbst einen historischen Roman schreiben möchtest. Recherche sollte dich nicht nur davor bewahren, Fehler zu machen. Sie darf deine Fantasie anregen.

Angenommen, dein Roman spielt im Wien des 19. Jahrhunderts. Bei der Recherche erfährst du, dass sich das Stadtbild in dieser Zeit massiv verändert hat. Plötzlich entstehen Fragen:

  • Wer profitiert von diesen Veränderungen?
  • Wer verliert dadurch etwas?
  • Welche Konflikte entstehen?
  • Welche Menschen treffen aufeinander?

Damit wird aus einem historischen Fakt möglicherweise der Ausgangspunkt einer Szene, einer Figur oder sogar deines gesamten Romans.

Suche nicht nur nach einer Epoche, suche nach Veränderung

Ein besonders spannender Gedanke aus dem Interview betrifft die Wahl der Zeit. Bastian Zach interessierte sich für die Geschichte Wiens und stieß auf eine Phase, in der sich die Stadt stark veränderte. Neue Technik, Umbauten und gesellschaftliche Entwicklungen machten das 19. Jahrhundert für ihn besonders reizvoll.

Das ist ein hervorragender Ansatz für historische Romane. Statt nur zu fragen: Welche Epoche finde ich interessant? kannst du fragen: Was verändert sich in dieser Epoche gerade? Denn Veränderung erzeugt Konflikte. Und Konflikte erzeugen Geschichten.

Interessant können beispielsweise sein:

  • technische Neuerungen
  • politische Umbrüche
  • gesellschaftliche Veränderungen
  • neue Verkehrsmittel
  • Veränderungen im Stadtbild
  • medizinische Entwicklungen
  • wirtschaftliche Krisen
  • neue Rollenbilder
  • Migration
  • Kriege oder deren Folgen

Du brauchst für einen guten historischen Roman also nicht nur eine schöne Kulisse. Du brauchst Bewegung.

„Geschichte wird für einen Roman dort spannend, wo sich etwas verändert und Menschen darauf reagieren müssen.“

Lass historische Fakten nicht wie Unterricht wirken

Eine der Gefahren beim historischen Schreiben lautet: Du hast unglaublich viel recherchiert und möchtest nun unbedingt zeigen, was du alles weißt. Das Ergebnis sind lange Erklärungen. Die Handlung steht still und der Roman fühlt sich plötzlich wie ein Geschichtsbuch an. Dabei interessiert sich dein Leser natürlich dafür, wie Menschen früher gelebt haben. Aber er möchte es erleben.

Nehmen wir an, deine Figur lebt in einer Zeit, in der ein neues Verkehrsmittel auftaucht. Du könntest nun zwei Seiten lang erklären, wann es eingeführt wurde, wie es technisch funktionierte und welche Bedeutung es für die Stadt hatte. Oder du lässt deine Figur davorstehen und reagieren.

  • Ist sie begeistert?
  • Hat sie Angst?
  • Findet sie es lächerlich?
  • Kann sie sich die Fahrt überhaupt leisten?
  • Wird vielleicht durch genau dieses Verkehrsmittel ihr bisheriger Beruf bedroht?

Nun wird Geschichte persönlich. Genau dort entsteht Authentizität.

Titelbild: Prämisse entwickeln: So findest du den Kern deiner Geschichte

Character Sheets: Warum du deine Figuren dokumentieren solltest

Historische Romane können schnell komplex werden. Viele Figuren. Familien. Orte. Zeitliche Abläufe. Historische Ereignisse. Und irgendwo auf Seite 287 möchtest du plötzlich wissen: Welche Augenfarbe hatte diese Nebenfigur noch einmal? Was war ihre Vorgeschichte? Welche Eigenheiten hatte sie?

Bastian Zach arbeitet deshalb mit Character Sheets. Darin hält er zentrale Informationen zu seinen Figuren fest, etwa: Aussehen, Vorgeschichte, Eigenheiten, Beziehungen oder andere wichtige Details. Das klingt vielleicht zunächst nach zusätzlicher Arbeit. Tatsächlich spart es dir später enorm viel Zeit.

Denn gerade wenn du nicht durchgehend an einem Roman schreibst, sondern zwischendurch andere Projekte bearbeitest, verschwimmen Details schnell. Du kannst dir für jede wichtige Figur beispielsweise folgende Punkte notieren:

  • Grunddaten: Name, Alter, Herkunft
  • Äußeres: Größe, Haare, Augen, Kleidung, Besonderheiten
  • Hintergrund: Familie, Beruf, Ausbildung, prägende Erlebnisse
  • Persönlichkeit: Ängste, Wünsche, Schwächen, Werte
  • Beziehungen: Freunde, Familie, Gegner, Liebesbeziehungen
  • Historischer Kontext: Welche gesellschaftlichen Regeln bestimmen ihr Leben?

Besonders der letzte Punkt ist für historische Romane entscheidend. Denn eine Figur aus dem Jahr 1870 sollte nicht einfach denken und handeln wie ein Mensch aus dem Jahr 2026.

Eine Zeitleiste schützt dich vor Logikfehlern

Neben Figurenübersichten empfiehlt sich bei komplexeren Geschichten eine Zeitleiste. Denn Geschichten verändern sich während des Schreibens. Vielleicht verschiebst du eine Szene um zwei Tage. Eine Reise dauert plötzlich länger. Ein Ereignis findet früher statt. Hundert Seiten später steht dann im Manuskript: „Vorgestern hast du doch gesagt …“ Und du fragst dich: War das wirklich vorgestern?

Genau hier hilft eine Timeline. Du kannst sie ganz einfach anlegen: Datum – Ort – Figur – Ereignis. Das genügt häufig schon.

Bei einem historischen Roman kommt eine zweite Ebene hinzu: reale historische Ereignisse. So kannst du deine fiktive Handlung und die tatsächliche Geschichte nebeneinanderlegen. Das reduziert Fehler und zeigt dir gleichzeitig neue Möglichkeiten. Vielleicht stellst du plötzlich fest, dass deine Figur genau an diesem Tag unmöglich an diesem Ort sein kann.

Oder – noch besser – dass ein reales Ereignis perfekt in deine Handlung passt.

Gemeinsam ein Buch schreiben: Die bessere Idee gewinnt

Ein weiterer spannender Teil des Gesprächs betrifft das gemeinsame Schreiben. Bastian Zach und Matthias Bauer entwickeln ihre Geschichten zunächst gemeinsam sehr detailliert. Danach teilen sie die Arbeit auf – beispielsweise nach Figuren, Familien oder Schauplätzen.

Entscheidend ist aber eine Regel: Nicht die eigene Idee muss gewinnen. Die bessere Idee muss gewinnen.

Das klingt einfach. Ist es aber nicht. Denn Schreiben ist persönlich. Wir hängen an Szenen, Figuren und Einfällen. Wenn jemand sagt: „Das funktioniert nicht“, hören wir manchmal etwas anderes: „Du kannst nicht schreiben.“ Dabei ist Kritik am Text keine Kritik am Menschen.

„Beim gemeinsamen Schreiben darf nicht das größte Ego gewinnen, sondern die stärkste Geschichte.“

Wenn du mit einem Co-Autor arbeitest, braucht Kritik deshalb immer eine Begründung. Nicht: „Das ist schlecht.“ Sondern: „Ich glaube, diese Szene funktioniert nicht, weil die Figur hier entgegen ihrer bisherigen Motivation handelt.“ Jetzt kann man darüber diskutieren. Und aus genau diesem Austausch können bessere Ideen entstehen.

Was Romanautoren vom Drehbuchschreiben lernen können

Besonders wertvoll ist Bastians Erfahrung als Drehbuchautor. Denn Drehbücher zwingen zum Fokus. Es gibt wenig Platz für lange Abschweifungen. Szenen müssen funktionieren. Dialoge brauchen eine Aufgabe. Eine Regel aus dem Drehbuchbereich kannst du direkt auf deinen Roman übertragen: So spät wie möglich in eine Szene hinein und so früh wie möglich wieder heraus. Das ist ein einfacher, aber sehr wirkungsvoller Überarbeitungstipp. Schau dir eine deiner Szenen an.

  • Wo beginnt sie?
  • Braucht dein Leser wirklich die ersten drei Absätze?
  • Oder beginnt das Interessante erst danach?
  • Und was passiert am Ende?
  • Bleibst du noch zwei Seiten in der Szene, obwohl der eigentliche Konflikt bereits vorbei ist?

Probier es aus. Streiche testweise den Anfang und das Ende. Vielleicht gewinnt deine Szene sofort an Tempo.

Serien schreiben: Abschluss und Entwicklung verbinden

Wenn du mehrere Romane mit denselben Figuren planst, stellt sich eine weitere Frage: Wie viel muss innerhalb eines Bandes abgeschlossen sein?

Bastian Zach verfolgt einen interessanten Ansatz. Die jeweilige Haupthandlung kann abgeschlossen sein, während sich die Figuren über mehrere Bücher hinweg weiterentwickeln. Das hat einen großen Vorteil. Neue Leser können leichter einsteigen. Treue Leser werden gleichzeitig belohnt, weil sie Veränderungen und Entwicklungen der Charaktere über mehrere Bände verfolgen.

Für deine Buchserie kannst du deshalb zwei Ebenen planen:

Vertikale Handlung: Was beginnt und endet in diesem Buch?

Horizontale Entwicklung: Was verändert sich über mehrere Bücher hinweg?

Vielleicht löst deine Ermittlerin in jedem Band einen neuen Fall. Ihre Angst, ihre Beziehung oder ein altes Trauma begleitet sie aber durch die gesamte Reihe. So entsteht Kontinuität, ohne dass jeder Band mitten in der Handlung abbrechen muss.

Deine praktische Übung für einen historischen Roman

Wenn du gerade einen historischen Roman planst, probiere folgende Übung. Wähle deine Epoche und beantworte fünf Fragen:

1. Was verändert sich gerade?
Politisch, technisch, gesellschaftlich oder kulturell.

2. Wer profitiert davon?

3. Wer verliert dadurch etwas?

4. Welche meiner Figuren wird unmittelbar davon betroffen?

5. Welcher Konflikt könnte daraus entstehen?

Jetzt hast du nicht nur recherchiert. Du hast historische Fakten in Storymaterial verwandelt. Und genau darum geht es.

Historische Authentizität entsteht nicht durch möglichst viele Fakten

Ein glaubwürdiger historischer Roman braucht Recherche. Aber Recherche allein reicht nicht. Deine Leser möchten keine Datensammlung. Sie möchten eine andere Zeit erleben. Sie möchten sehen, riechen und fühlen, wie deine Figuren leben. Sie wollen erleben, was Veränderung für einen einzelnen Menschen bedeutet.

Deshalb ist vielleicht die wichtigste Frage beim historischen Schreiben nicht: „Was war damals?“ Sondern: „Wie hat sich das für einen Menschen angefühlt, der genau dort gelebt hat?“

Wenn dir diese Verbindung gelingt, wird Geschichte lebendig.

„Recherchiere nicht nur die Vergangenheit, finde heraus, welche Geschichte sich darin versteckt.“

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