Zwischen Wasserleiche und Schreiballtag: Die faszinierende Welt hinter den Kommissar-Pascha-Krimis

Krimis gehören seit Jahren zu den beliebtesten Genres überhaupt. Leser:innen lieben Geheimnisse, überraschende Wendungen und Ermittler, die sich Schritt für Schritt der Wahrheit nähern. Doch wie entsteht eigentlich ein guter Kriminalroman?

In einem spannenden Gespräch im Bookerfly Umsetzungskongress 2025 mit Jennifer B. Wind gibt Autor und Filmemacher Su Turhan Einblicke in seine Arbeit als Krimiautor. Dabei spricht er über reale Leichenfunde, intensive Recherchen, Polizeikontakte und die Frage, wie viel Realität ein Krimi überhaupt braucht.

Was dabei besonders deutlich wird: Gute Krimis entstehen nicht allein durch Verbrechen. Sie entstehen durch Figuren, Emotionen und eine kluge Verteilung von Informationen.


Wenn die Realität plötzlich vor dir liegt

Viele Menschen stellen Krimiautoren dieselbe Frage: Hast du eigentlich schon einmal eine echte Leiche gesehen? Su Turhan muss darüber nicht lange nachdenken. Die Antwort lautet: Ja.

Bereits als junger Mensch stieß er auf eine Wasserleiche. Das Erlebnis hat sich tief eingebrannt. Die Erinnerung an die Farben, den Anblick und das Gefühl des Schocks begleitet ihn bis heute. Später besuchte er für Recherchezwecke die Rechtsmedizin, musste den Besuch jedoch abbrechen, weil ihm der Anblick der Leichen zu schaffen machte.

Solche Erfahrungen zeigen, dass die Realität oft deutlich eindringlicher ist als jede erfundene Szene.

„Die Realität ist häufig grausamer als alles, was wir uns ausdenken können.“

Genau deshalb schöpfen viele Autoren aus echten Eindrücken. Nicht um möglichst schockierend zu schreiben, sondern um authentische Emotionen auf die Seite zu bringen.


Recherche beginnt dort, wo Google aufhört

Wer Krimis schreibt, kommt um Recherche nicht herum. Doch echte Recherche bedeutet weit mehr als ein paar Suchanfragen im Internet. Für seine Geschichten sprach Su Turhan unter anderem mit Opfern von Landminen und beschäftigte sich intensiv mit deren Schicksalen. Die Begegnungen hinterließen einen bleibenden Eindruck.

Besonders wertvoll sind dabei persönliche Kontakte. Zu seinem Netzwerk gehören:

  • aktive Polizeibeamte
  • pensionierte Hauptkommissare
  • Fachleute aus verschiedenen Bereichen
  • Leser mit beruflichem Hintergrundwissen

Diese Kontakte helfen dabei, Details zu überprüfen und Fehler zu vermeiden. Gleichzeitig liefern sie oft Ideen, die man in keinem Fachbuch findet.


Warum Spannung vor allem durch Informationen entsteht

Viele Schreibanfänger glauben, Spannung entstehe durch Action, Verfolgungsjagden oder spektakuläre Verbrechen. Su Turhan sieht das anders. Für ihn entsteht Spannung vor allem durch die Frage: Wer weiß wann was?

Die Kunst besteht darin, Informationen gezielt zu verteilen. Leser sollen neugierig bleiben. Sie sollen Vermutungen anstellen, falsche Fährten verfolgen und gemeinsam mit den Ermittlern Stück für Stück der Wahrheit näherkommen.

Dabei hilft eine klare Vorbereitung. Wichtige Bausteine sind:

  • eine durchdachte Handlung
  • glaubwürdige Figuren
  • ein nachvollziehbares Motiv
  • eine saubere Zeitleiste
  • gezielte Informationsverteilung

Wer seine Geschichte selbst nicht kennt, wird seine Leser kaum überzeugend durch das Labyrinth führen können.


Figuren sind wichtiger als perfekte Fakten

Interessanterweise plädiert Su Turhan nicht für absolute Perfektion bei jeder Kleinigkeit. Natürlich recherchiert er sorgfältig. Dennoch sieht er manche Details entspannt. Denn Geschichten leben nicht allein von Fakten, sondern von Menschen.

Immer wieder erhält er Rückmeldungen von Lesern, die kleinere Fehler entdecken. Mal geht es um Polizeiausrüstung, mal um geografische Details oder technische Abläufe. Doch statt sich darüber zu ärgern, betrachtet er solche Rückmeldungen oft als Chance. Einige Leser wurden später sogar zu wertvollen Ansprechpartnern für neue Projekte.

„Perfekte Recherche ist wichtig. Aber perfekte Figuren sind wichtiger.“


Titelbild: Prämisse entwickeln: So findest du den Kern deiner Geschichte

Wie realistisch muss ein Krimi sein?

Eine der spannendsten Aussagen des Interviews betrifft die Frage nach dem Realismus. Muss wirklich alles exakt so funktionieren wie im echten Leben? Die Antwort lautet: Nicht unbedingt. Viel wichtiger ist, dass die Geschichte ihren eigenen Regeln treu bleibt.

Jeder Roman schließt zu Beginn einen stillen Vertrag mit seinen Lesern. Die ersten Kapitel zeigen, welche Art von Geschichte erzählt wird.

Ein humorvoller Regionalkrimi funktioniert anders als ein düsterer Psychothriller. Ein realistischer Polizeikrimi setzt andere Schwerpunkte als eine unterhaltsame Ermittlerkomödie.

Entscheidend ist, dass die Leser verstehen, in welcher Welt sie sich bewegen und dass diese Welt konsequent bleibt.


Was Krimiautoren von Filmemachern lernen können

Su Turhan kommt ursprünglich aus dem Filmbereich. Diese Erfahrung prägt auch seine Romane. Filmemacher denken oft sehr visuell und strukturiert. Szenen werden bewusst aufgebaut, Informationen gezielt platziert und Figuren klar positioniert. Für Autoren ergibt sich daraus ein wichtiger Lernpunkt:

Stelle dir jede Szene wie eine Filmszene vor.

Frage dich:

  • Was soll der Leser hier erfahren?
  • Welche Emotion soll entstehen?
  • Welche Information fehlt noch?
  • Welche Frage soll offen bleiben?

So entsteht ein Lesefluss, der neugierig macht und zum Weiterlesen animiert.


Die wichtigste Lektion für angehende Krimiautoren

Wer seinen ersten Krimi schreibt, sucht oft nach dem perfekten Mordfall, der cleversten Wendung oder dem spektakulärsten Täter. Doch das eigentliche Geheimnis liegt häufig woanders. Su Turhan macht deutlich, dass gute Krimis vor allem von drei Dingen leben:

1. Glaubwürdige Figuren

Leser müssen verstehen, warum Menschen handeln, wie sie handeln.

2. Klare Informationssteuerung

Spannung entsteht durch Wissen und durch fehlendes Wissen.

3. Eine stimmige erzählerische Welt

Ob humorvoll oder düster: Die Geschichte muss ihren eigenen Regeln folgen.

Wenn diese drei Elemente funktionieren, verzeihen Leser sogar kleinere Ungenauigkeiten.


Gute Krimis entstehen zwischen Realität und Fantasie

Das Interview mit Su Turhan zeigt eindrucksvoll, dass erfolgreiche Kriminalromane weit mehr sind als Mordfälle und Ermittlungen. Sie entstehen aus Beobachtungen, Begegnungen und Erfahrungen. Sie leben von starken Figuren, glaubwürdigen Konflikten und einem Autor, der genau weiß, wann er welche Information preisgibt.

Wer Krimis schreiben möchte, sollte deshalb nicht nur Verbrechen studieren, sondern vor allem Menschen.

Denn am Ende interessiert Leser nicht allein die Frage, wer der Täter war, sondern auch, warum alles geschehen ist.

„Spannung entsteht nicht durch das, was Leser wissen, sondern durch das, was sie noch herausfinden wollen.“

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