Als ich mein fertiges KI Buch zum ersten Mal am Stück gelesen habe, war ich fasziniert, erleichtert und musste auch schmunzeln. Und ja, ich habe die KI noch deutlich erkannt. 

Mir ist sofort etwas aufgefallen. Ich habe auf den ersten Seiten gesehen, wo die Maschine an ihre Grenze kommt bzw. was sie aus dem Trainingsmaterial gemacht hat.

Und diese Grenze habe ich bewusst stehen lassen. Ich habe das Buch nicht menschlich lektoriert, obwohl mir das schwergefallen ist. Weil ich genau das zeigen wollte: was die KI kann, und wo sie an ihre Grenzen stößt. Ungeschönt. So habe ich es auch veröffentlicht. Stilblüten, Metaphern und ja auch Logikfehler gibt es noch.

Hätte ich am Ende alles glattgezogen, wäre es kein ehrliches Experiment mehr, sondern nur ein weiteres Buch, bei dem niemand mehr sagen kann, was die Maschine war und was der Mensch.

Fast alle fürchten, dass KI zu wenig kann. Seelenlos, flach, kalt. Mein Experiment hat mir das Gegenteil gezeigt. Das Problem der KI ist nicht, dass sie zu wenig macht. Es ist, dass sie zu viel macht.

Sie fügt immer hinzu. Ein Bild mehr. Einen klugen Satz mehr. Eine Erklärung mehr, direkt hinter das Bild, für den Fall, dass du es nicht verstanden hast. Sie lässt keine Lücke offen, keine Stille stehen, keinen Gedanken unausgesprochen.

Und das hat einen einfachen Grund: Hinzufügen ist sicher. Jeder zusätzliche Satz klingt für sich genommen gut. Weglassen dagegen ist riskant. Weglassen heißt zu wissen, dass weniger mehr ist, dass ein Absatz stärker wird, wenn drei schöne Sätze daraus verschwinden und dazu gehört es Urteil und Mut zu haben.

Beides hat die Maschine nicht.

Buchcover Die zweite Stimme

Hier geht es zum Buch 

Bei meinem Workshops sage ich immer: Schreiben ist Subtraktion 

Jede erfahrene Autor:in kennt den Satz „kill your darlings“. Töte deine Lieblinge. Genau die Sätze, auf die du am stolzesten bist, sind oft die, die raus müssen, weil sie sich vordrängen und die Geschichte zudecken. Das fällt uns schwer. Der Maschine auch ;-).

Und in meinem Schreibstil habe ich sehr viele davon. Ich liebe es bildlich zu schreiben und kluge Metaphern zu finden. Das ist meine Schreibstimme und Macke in einem.

Und die KI wurde mit meinem Trainingsmaterial auf mich trainiert und hat noch mehr davon gemacht ;-). 

Die Kunst liegt nicht im Hinzufügen. Sie liegt im Weglassen. In der Pause, im Unausgesprochenen, in dem Raum, den du dem Leser lässt, damit er selbst atmen und denken kann. Ein guter Text ist nicht der vollste. Im Lektorat wird oft viel gestrichen und das macht die KI nicht.

Die KI füllt jede Lücke. Sie erträgt keine Leere. Sie erklärt, verstärkt, doppelt, pointiert und das liest sich einfach zu viel und ist an vielen Stellen oft auch einfach falsch.

In meinem Roman schließt fast jeder Absatz mit einer geschliffenen Pointe. Auf der ersten Seite habe ich sechs davon gezählt. Jede einzelne ist gut. Zusammen ersticken sie sich gegenseitig und es ist einfach zu viel!

Was die KI kann

Mir ist wichtig zu sagen: Die KI kann viel. Der Plot trägt, die Figuren stehen, die Spannung hält über dreihundert Seiten. Die KI hat das komplette Buch ausgearbeitet, recherchiert und geschrieben – über 300 Seiten! Die Personen, die Firma, die Handlung – all das kommt von der KI. Und die KI hat das Buch in wenigen Stunden geschrieben, das Cover gemacht und den Buchsatz. Das ist keine Kleinigkeit. Bis hierher kommt die Maschine antrainiert erstaunlich weit in 6 Stunden (Achtung antrainiert wurde deutlich länger davor).

Aber dann gibt es eine Schicht, an der es kippt. Und die sieht man sofort, wenn man das Handwerk kennt.

Es ist die Sprache. Und zwar nicht mein Stil, sondern mein Stil + der Fingerabdruck der Maschine.

Da ist der Kanarienvogel im Bergwerk (canary in a coal mine), eine englische Redewendung, die im Deutschen fremd klingt. Da musste ich so schmunzeln. Das passiert durchs übersetzen. Denn die KI übersetzt alles ins Englische, arbeitet auf Englisch und übersetzt wieder zurück. Davon haben wir im Buch einige. Das sind sogenannte Lehnübersetzungen, also versteckte Anglizismen. In der Fachsprache nennt man das Calque und es bedeutet in etwa „durchpausen“.

Dann sind da die angehängten Adjektive (das ist eine Marotte von mir und die KI hat sie übernommen):, „leise, fast sanft“, „nüchtern, technisch“. Ich liebe sowas und ja, kann man mal machen aber halt nicht zu viel davon.

Und dann kommt fehlende Logik; Da ist das Möbelstück, das „festwächst“, obwohl ein Möbelstück keine Wurzeln hat, eine Metapher, die sich selbst widerspricht. Aber ja, jetzt auch nicht unmenschlich. Im Lektorat habe ich oft solche Widersprüche. Aber wir würden es eben streichen.

Das ist keine Frage des Geschmacks. Das sind Artefakte. Die Maschine denkt unter der Oberfläche auf Englisch. Sie greift zu Bildern, die sie millionenfach gelesen hat, und sie hält das Ergebnis für gelungen. Sie kann nicht anders, denn es ist ihr eigener Klang.

Und da ist noch ein Punkt: Fast alle Figuren reden gleich. Auch hier hätte ich menschlich eingegriffen. 

Und obwohl ich die KI antrainiert habe, genau all das an den richtigen Stellen zu vermeiden, hat sie es doch gemacht. 

Der blinde Fleck

Die KI kann ihre eigenen Fehler nicht sehen. Nicht, weil sie zu dumm wäre, sondern weil derselbe Geschmack, der den Fehler erzeugt, ihn nicht als Fehler erkennt. Kann sie nicht – es sei denn, ich greife hier als Mensch nochmal ein (was ich hier nicht getan habe). 

Ich habe es getestet. Ich habe die Maschine ihr eigenes Buch lektorieren lassen, gründlich, mit Werkzeugen, die ich eigens dafür gebaut und trainiert habe. Sie hat Zahlendreher gefunden, Widersprüche, Grammatik.

Aber ihre eigenen Sprach-Artefakte hat sie nicht angerührt. Sie hielt sie für gut. Selbst als ich sie gezielt danach suchen ließ, hat sie eine ganze Kategorie übersehen, bis ein menschliches Auge sie benannt hat.

Aber kann das die KI wirklich nicht lektorieren? Doch, aber mit Grenzen. 

Wenn der Mensch führt und aufzeigt was „falsch“ ist, kann die KI in diese Richtung gehen.

Das siehst du hier. Das hier wäre das Lektorat, nachdem ich menschlich eingegriffen habe: 

Hätte ich jetzt einfach ein anderes KI Modell für das Lektorat nehmen müssen? 

Ein zweites Modell hätte denselben blinden Fleck, denn es ist derselbe englische Unterbau, derselbe statistische Geschmack von „klingt literarisch“. Es ist nicht die Frage, welche KI. Es ist die Frage, wer führt.

KI als Werkzeug ist super mächtig. Weil so ehrlich muss ich auch sein. Hätte ich jetzt menschlich eingegriffen und mit KI zusammennachgebessert …du siehst oben, wie viel besser das Ergebnis dann schon wäre.

Und ganz ehrlich: Meine Möglichkeiten KI anzutrainieren sind begrenzt. Große Firmen haben tausende Lektorate zur Verfügung und ganz sicher wird es in naher Zukunft KI Lektoratstools geben, die das auf Knopfdruck können werden. Das sage ich nicht um Angst zu machen, sondern weil ich nicht daran glaube, dass das nicht passieren wird.

Die Rückmeldungen bestätigen es

Inzwischen erreichen mich zahlreiche Rückmeldungen von Leser:innen, die selbst teilweise vom Fach sind. Sie zeigen auf genau dieselben Stellen, die mir beim ersten Durchlesen aufgefallen sind. Das hat mich nicht überrascht. Es hat mich bestätigt. Und ehrlich gesagt war es der schönste Beweis, den dieses Experiment liefern konnte: Was ein geübter Mensch auf den ersten Seiten sieht, findet die Maschine nicht einmal, wenn man sie darauf ansetzt. 

Allerdings gibt es auch sehr viele begeisterte Stimmen zum Buch und viele die den Psychothriller richtig gut finden und sich gar nicht so sehr an den Mepaphern usw. stören. Die begeistert sind von der Geschichte. Und ja, das muss ich der KI lassen. Die Geschichte, die Recherche und die Umsetzung der Handlung ist wirklich gut.

Ich hab das Buch ehrlich auch verschlungen. Auch wenn ich über die Methapern usw. gestolpert bin – die Geschichte, der „zärtliche“ Täter und die Hauptfigur haben mich doch in den Bann gezogen. 

Was mich begeistert hat: Da bin ich ehrlich. In das Buchcover habe ich mich direkt verliebt und es kam auch sehr gut an. Und das hat die KI in 2 Minuten gemacht. Das ist erschreckend und faszinierend. Und ja, da wird es wohl sehr viele KI Cover geben zukünftig und dieser Markt wird sich verändert.

Etwas Grenzen sehe ich noch bei Buchsatz. Er hat Striche, die ich nicht gemacht hätte und manchmal zu viel Text auf einer Seite und könnte noch etwas schöner sein. Aber ich muss auch zugeben, er ist ok.

Die Veröffentlichung durch den KI Agenten auf Amazon hat er super gut gemacht und lief reibungslos und ich weiss nicht woran es liegt, aber noch nie hat Amazon eines meiner Bücher so schnell genehmigt und es hat auf Anhieb alles gestimmt. Technisch also hier ein Topjob!

Deshalb ist der Mensch für mich beim Thema Buch super wichtig, auch wenn es sich verlagert

Gut antrainiert kann die KI gut plotten. Sie kann in atemberaubendem Tempo einen Rohtext liefern. Sie kann recherchieren und zusammenhängende Geschichten schreiben mit Tiefe und Spannung.

Aber gut überarbeiten, das kann (noch) nur ein Mensch: den englischen Unterton heraushören, die schiefe Metapher töten, jeder Figur ihre eigene Schnauze geben, die Weisheit streichen, die keine ist. Das ist nicht nur Fleißarbeit. Das ist Urteil. Und Urteil ist genau das, was die Maschine am Ende nicht hat.

Und ja auch Emotionen. Unsere Bücher leben damit. Diese KI war unglaublich tief auf mich antrainiert und trotzdem fehlt mir immer noch etwas emotionale Tiefe.

KI im Zusammenspiel als Werkzeug ist der Weg. Ich bin davon überzeugt: KI verändert das Schreiben. Aber es ersetzt mich nicht. 

Um ein wirklich gutes Buch mit KI zu schreiben bleibe ich dabei: KI und DU ist der Schlüssel 

Das bringe ich auch in meiner KI Schreibschule und den Workshops bei.

Und ich würde auch jedes mit KI geschriebene Buch hinterher in ein menschliches Lektorat schicken! Weil KI eben ihre Grenzen hat und weder die KI selbst noch du diese finden! Meine Bücher werden immer von der wunderbaren Ilka Sommer lektoriert und sie findet immer genau all diese Fehler.  

Aber was bedeutet das jetzt? 

Das ist für mich die eigentliche Erkenntnis, und sie ist eine gute Nachricht für alle, die schreiben. KI macht den Menschen nicht überflüssig.

Wer die Maschine schreiben lässt und nicht führt, bekommt Maschinentext. Wer sie führt, bekommt ein Buch und durchaus eine gute Geschichte die trägt.  Aber Überarbeitung ist noch ein Thema wo ich ehrliche Grenzen sehe – zumindest im privat Gebrauch.

Ich habe hier die KI im Rahmen meiner Möglichkeiten antrainiert. Große Firmen besitzen tausende von Werken, die sie für ein Lektorat antrainieren können. Daher wird es ganz bestimmt irgendwann KI Lektorate geben, die gut sein werden, das kann ich nicht einfach ausklammern.

Wie du mit KI arbeitest: 

Nutze KI zum Plotten, zum Entwerfen, zum Ausprobieren und zum Schreiben.  Arbeite mit ihr, anstatt alles von ihr erstellen zu lassen.

Aber gib den Text danach niemals ungelesen aus der Hand.  Auch KI Texte brauchen ein Profilektorat :-).

Und ich wünsche mir ehrlich gesagt, dass das so bleibt. Aber mein ehrlicher Blick darauf ist ein anderer. Auch das wird sich verändern aber wie man sieht, es ist nicht so einfach.

Und wenn du mehr über KI und Buch schreiben lernen willst, freu ich mich, wenn wir uns in der KI Schule wiedersehen! 

Hier geht es zur KI Schreibschule

Ich freue mich über offenen Austausch.

Im nächsten Beitrag gehe ich tiefer in die menschliche Überarbeitung mit KI ein. KI & DU. 

Herzlichst deine

Janet