Mord ist nur der Anfang: Was einen wirklich guten Krimi ausmacht
Ein Mord. Eine Ermittlerin. Ein paar Verdächtige. Und am Ende wird der Täter überführt. Wenn Krimischreiben so einfach wäre, hätten wir vermutlich alle längst eine erfolgreiche Reihe im Regal stehen.
Doch ein guter Krimi lebt nicht allein von der Frage: Wer war es? Er lebt von Menschen. Von ihren Widersprüchen, Verletzungen und Entscheidungen. Von Spuren, die etwas bedeuten könnten – oder eben nicht. Und von einer Autorin oder einem Autor, die bereit sind, sehr genau hinzusehen.
Genau darüber hat Eva Maria Nielsen beim Bookerfly Umsetzungskongress mit Helene Baumann gesprochen.
Helene ist Ärztin und Psychotherapeutin und hat mit „Tödliche Täuschung – Anja Wesseling ermittelt“ und „Tödliche See – Anja Wesseling ermittelt“ bereits zwei Kriminalromane veröffentlicht. Der dritte Band befindet sich in der Überarbeitung.
Ihre besondere Perspektive auf das Krimischreiben kommt nicht von ungefähr. Helene war unter anderem als Notärztin, Schiffsärztin und Theaterärztin tätig. Vor ihrem Medizinstudium arbeitete sie sogar als medizinisch-technische Assistentin in der Gerichtsmedizin.
Wenn sie sagt, die Geschichten fielen ihr vor die Füße, glaubt man ihr das sofort. Doch was können wir aus ihrer Schreibreise für unsere eigenen Geschichten lernen?
1. Ein guter Krimi beginnt nicht beim Mord
Helene liebt Krimis seit ihrer Kindheit. Die Edgar-Wallace-Krimis ihres Vaters landeten damals heimlich im Puppenwagen, weil sie sie eigentlich noch gar nicht lesen durfte. Was sie daran faszinierte, waren die Rätsel.
Heute sieht sie noch eine zweite Ebene: Im Krimi wird eine Ordnung gestört und die Ermittlungsarbeit versucht, diese Ordnung wiederherzustellen.
Das ist ein spannender Gedanke für die eigene Geschichte. Denn bevor du deinen nächsten Krimi planst, kannst du dich fragen: Welche Ordnung wird durch das Verbrechen zerstört? Das kann die gesellschaftliche Ordnung sein. Viel interessanter ist aber häufig die persönliche.
- Eine Familie funktioniert scheinbar perfekt – bis ein Mord alte Geheimnisse freilegt.
- Ein Dorf hält zusammen – bis plötzlich klar wird, dass fast jeder etwas verschweigt.
- Eine Freundschaft scheint unerschütterlich – bis eine Tat zeigt, wie viel Neid darunter verborgen lag.
„Ein Mord ist im Krimi selten nur ein Ereignis. Er ist der Moment, in dem eine scheinbar stabile Welt ihre Risse zeigt.“
Damit bekommt dein Krimi automatisch eine zweite Ebene. Leser wollen dann nicht nur wissen, wer die Tat begangen hat. Sie wollen verstehen, warum diese Welt zerbrechen konnte.
2. Figuren dürfen dir im echten Leben begegnen
Besonders schön ist die Entstehungsgeschichte von Helenes Ermittlerin Anja Wesseling. Die erste Inspiration begegnete ihr während eines Segelurlaubs auf der Ostsee. In einer Damenumkleide kam eine Frau herein, bei der Helene sofort dachte: Sollte ich jemals wieder ein Buch schreiben, dann wäre meine Hauptfigur so eine Frau. Später traf sie auf einer Fortbildung eine ärztliche Kollegin, die weitere Eigenschaften mitbrachte, die schließlich in Anja Wesseling einflossen.
Genau darin steckt eine hilfreiche Methode für die Figurenentwicklung. Du musst deine Figuren nicht vollständig am Schreibtisch erfinden. Beobachte Menschen.
- Wie betritt jemand einen Raum?
- Was macht einen Menschen sofort sympathisch?
- Welche kleine Geste bleibt dir im Gedächtnis?
- Wie spricht jemand, wenn er nervös wird?
- Welche Widersprüche fallen dir auf?
Natürlich bedeutet das nicht, reale Personen eins zu eins in einen Roman zu übertragen. Viel spannender ist es, einzelne Beobachtungen miteinander zu kombinieren. Die Haltung einer Person. Die Stimme einer anderen. Eine Eigenart, die du irgendwann in einem Café beobachtet hast. Dazu eine erfundene Biografie.
So entsteht keine Kopie, sondern eine neue Figur.
Praktischer Schreibtipp: Lege dir eine Datei oder ein Notizbuch mit dem Titel „Figurenfundstücke“ an. Notiere dort kleine Beobachtungen aus dem Alltag. Nicht komplette Personen – nur Details.
Nach einigen Monaten hast du einen erstaunlichen Fundus.
3. Täter brauchen mehr als ein Motiv
Eine der stärksten Aussagen des Gesprächs betrifft Helenes Blick auf Täterfiguren. Durch ihre Arbeit als Ärztin und Psychotherapeutin hat sie viele Lebensgeschichten kennengelernt. Ihre Erfahrung: Menschen sind selten ausschließlich gut oder ausschließlich böse. Für Krimiautor:innen ist das Gold wert.
Natürlich darf die Tat schrecklich sein. Dein Roman muss sie weder relativieren noch entschuldigen. Aber dein Täter sollte als Mensch nachvollziehbar bleiben. Frage deshalb nicht nur: Warum hat er getötet?
Gehe einen Schritt zurück:
- Was hat dieser Mensch verloren?
- Welche Angst treibt ihn?
- Welche Entscheidung hat alles verändert?
- Was erzählt er sich selbst, damit sein Handeln für ihn logisch erscheint?
- Wo hätte er noch anders abbiegen können?
„Die stärksten Täterfiguren sind nicht die, deren Tat wir entschuldigen. Es sind die, bei denen wir erschrocken verstehen, wie es so weit kommen konnte.“
Genau an dieser Stelle wird ein Krimi psychologisch interessant. Der Täter wird nicht zum Monster außerhalb unserer Welt. Er bleibt Mensch. Und gerade das kann wesentlich verstörender sein.
4. Falsche Fährten müssen fair sein
Ein Krimi ist auch ein Spiel zwischen Autor und Leser. Du darfst täuschen. Du sollst sogar täuschen. Aber du solltest nicht betrügen.
Eine gute falsche Fährte funktioniert deshalb nicht, weil du Informationen versteckst, die niemand kennen konnte. Sie funktioniert, weil Leser vorhandene Informationen zunächst falsch interpretieren.
Helene beschreibt, dass manche falschen Fährten während des Schreibens entstehen. Andere fügt sie gezielt dort ein, wo eine Passage noch etwas zu ruhig oder vorhersehbar wirkt. Das lässt sich sehr praktisch auf die eigene Überarbeitung übertragen. Markiere beim Lesen deines Manuskripts drei Arten von Spuren:
Echte Spur: Sie führt tatsächlich zur Lösung.
Falsche Fährte: Sie lässt eine andere Erklärung plausibel erscheinen.
Mehrdeutige Spur: Sie ist korrekt, bekommt aber später eine völlig andere Bedeutung.
Gerade die dritte Variante ist besonders wirkungsvoll. Denn nach der Auflösung soll der Leser denken: Natürlich! Es stand die ganze Zeit da. Warum habe ich es nicht gesehen?
Das ist einer der befriedigendsten Momente eines guten Krimis.
5. Recherche macht einen Krimi glaubwürdig, aber nicht zum Lehrbuch
Helenes beruflicher Hintergrund bringt ihr beim Schreiben natürlich einen Vorteil. Trotzdem recherchiert sie intensiv. Gerade bei medizinischen und rechtsmedizinischen Fragen legt sie Wert darauf, dass Symptome, Abläufe und Zusammenhänge stimmen. Dabei spricht sie einen wichtigen Punkt an: Fachwissen sollte einen Krimi glaubwürdig machen, aber problematische Vorgänge nicht unnötig als detaillierte Anleitung wiedergeben.
Für Autor:innen bedeutet das: Recherchiere mehr, als du später in den Roman schreibst.
Das ist ein entscheidender Unterschied. Du musst als Autor wissen, wie ein bestimmter Ablauf funktioniert. Deine Leser müssen aber nicht jede Einzelheit erklärt bekommen. Recherche ist wie das Fundament eines Hauses. Man sieht es später kaum, aber wenn es fehlt, merkt man es sofort.
Helene nutzt dafür Fachliteratur, Expertenwissen, Podcasts und eigene Erfahrungen. Sie hat auch Gerichtsprozesse besucht, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie Verfahren tatsächlich ablaufen.
Das zeigt noch etwas: Recherche findet nicht nur bei Google statt.
- Besuche Orte.
- Sprich mit Fachleuten.
- Höre Interviews.
- Lies Prozessberichte.
- Sieh dir Schauplätze an.
Je konkreter deine Wahrnehmung ist, desto weniger musst du später künstlich „Authentizität herstellen“.
6. Jede Szene braucht einen Auftrag
Beim dritten Krimi beschäftigt Helene gerade eine Frage besonders intensiv: Wie bekommt die Geschichte noch mehr Spannung? Dabei arbeitet sie inzwischen stärker mit der inneren Funktion einzelner Szenen.
Das ist ein enorm wichtiger Schritt in der Überarbeitung. Eine Szene sollte nicht nur zeigen, was an einem bestimmten Dienstag während der Ermittlungen passiert. Sie sollte etwas verändern.
Stelle deshalb bei der Überarbeitung jeder Szene diese Fragen:
- Was will meine Figur in dieser Szene?
- Was verhindert, dass sie es bekommt?
- Welche neue Information entsteht?
- Welche Frage wird beim Leser geweckt?
- Was ist am Ende der Szene anders als am Anfang?
Wenn du auf keine dieser Fragen eine gute Antwort findest, hast du möglicherweise eine Szene entdeckt, die deinen Krimi ausbremst.
„Spannung entsteht nicht dadurch, dass ständig etwas passiert. Spannung entsteht, wenn das, was passiert, etwas verändert.“
Das gilt übrigens nicht nur für Krimis.
7. Schreiben ist Handwerk – und Gemeinschaft hilft
Helenes erstes Buch bezeichnet sie rückblickend augenzwinkernd als „Zangengeburt“. Eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse war, Struktur nicht als Einschränkung zu betrachten, sondern als Hilfe. Denn Ideen allein ergeben noch keinen Roman. Irgendwann müssen Figuren, Handlung, Hinweise, Zeitebenen und Spannungsbögen zusammenfinden. Und dabei muss niemand alles allein herausfinden.
Helene hat Schreibgruppen für sich entdeckt, holt sich früh Feedback und engagiert sich bei den Mörderischen Schwestern, einem Netzwerk krimischreibender Frauen. Auch der Austausch im Bookerfly Club hat sie auf ihrer Schreibreise begleitet. Gerade dieser Punkt wird beim Schreiben häufig unterschätzt.
Wir stellen uns Autor:innen gern allein am Schreibtisch vor. Natürlich findet ein großer Teil der eigentlichen Arbeit dort statt. Aber Schreibenlernen muss kein einsamer Prozess sein. Gutes Feedback zeigt dir Dinge, die du selbst nicht mehr sehen kannst. Denn du kennst deine Geschichte. Deine Testleser kennen nur das, was tatsächlich auf der Seite steht. Und zwischen diesen beiden Perspektiven liegt manchmal ein ganzes Plottloch.
Was du aus Helenes Schreibreise mitnehmen kannst
Wenn du selbst einen Krimi schreiben möchtest, musst du nicht mit dem perfekten Plot beginnen. Beginne mit einer Frage. Mit einer Figur, die dich nicht loslässt. Mit einem Ort. Mit einem Geheimnis.
Vielleicht sogar mit einer Person, die eines Tages eine Umkleide betritt und bei der du plötzlich denkst: Dich werde ich irgendwann brauchen.
Dann beginnt die eigentliche Arbeit. Beobachten. Schreiben. Strukturieren. Recherchieren. Verwerfen. Überarbeiten. Feedback einholen. Noch einmal überarbeiten. Und irgendwann liegen die Spuren so, dass deine Leser ihnen folgen können. Nur hoffentlich nicht sofort in die richtige Richtung.
Dein nächster Schritt
Wenn du gerade an einem Krimi arbeitest, nimm dir heute eine einzige Szene vor und prüfe sie auf drei Dinge:
- Was verändert sich durch diese Szene?
- Welche neue Frage entsteht beim Leser?
- Welche Spur lege ich – und wohin scheint sie zu führen?
Kannst du keine dieser Fragen beantworten, weißt du ziemlich genau, wo deine nächste Überarbeitung beginnt.
„Ein guter Krimi versteckt nicht die Wahrheit. Er sorgt dafür, dass wir sie die ganze Zeit ansehen und trotzdem zunächst etwas anderes sehen.“
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