Lass deine Leser fühlen, riechen und hören: So entsteht echtes Kopfkino

Du kannst schreiben: Der Wald war ruhig. Und sofort entsteht irgendein Wald im Kopf. Oder du schreibst vom feuchten Moos, das nach Regen riecht. Von einem Ast, der irgendwo hinter deiner Figur knackt. Von kalter Erde unter den Händen und dem Rascheln trockener Blätter im Wind.

Plötzlich sehen wir den Wald nicht nur. Wir sind dort.

Genau darum geht es beim Schreiben mit allen Sinnen. Es ist eng mit dem bekannten Prinzip „Show, don’t tell“ verbunden, geht aber noch einen Schritt weiter: Du erzählst deinen Leserinnen und Lesern nicht einfach, wie eine Situation aussieht. Du gibst ihnen die Möglichkeit, sie beinahe körperlich mitzuerleben.

Das Spannende daran: Oft braucht es dafür nur ein oder zwei gezielt eingesetzte Sinneseindrücke.

Warum wir beim Schreiben so oft nur beschreiben, was wir sehen

Wenn wir eine Szene schreiben, greifen wir fast automatisch auf den Sehsinn zurück. Das ist logisch. Wir möchten schließlich zeigen, wo unsere Figuren stehen, wie ein Raum aussieht, wer sich darin befindet und was passiert.

Also schreiben wir über Farben, Formen, Gegenstände und Bewegungen:

  • Der Mann stand am Fenster.
  • Die Straße war leer.
  • Der Wald war dunkel.
  • Das Meer war blau.

Daran ist zunächst nichts falsch. Problematisch wird es erst, wenn fast die gesamte Geschichte nur über diesen einen Sinn erzählt wird. Denn Menschen erleben ihre Umgebung nicht ausschließlich mit den Augen. Wir hören. Wir riechen. Wir schmecken. Wir spüren Temperaturen, Berührungen und Oberflächen. Und genau hier liegt eine enorme Chance für dein Schreiben.

„Eine Szene wird nicht lebendig, weil du mehr beschreibst. Sie wird lebendig, wenn du das Richtige spürbar machst.“

1. Sehen: Mehr als nur Farben und Gegenstände

Der Sehsinn ist und bleibt wichtig. Aber auch hier kannst du genauer werden. Was nimmt deine Figur tatsächlich wahr? Vielleicht sieht sie nicht einfach einen herbstlichen Wald. Sie beobachtet, wie einzelne gelbe Blätter auf ihre Jacke fallen.

Du musst dann gar nicht mehr schreiben: Es war Herbst. Der Leser weiß es bereits. Das ist eine einfache Form von „Show, don’t tell“. Statt Informationen zu erklären, lässt du sie durch Beobachtungen entstehen.

Das funktioniert übrigens besonders gut, wenn deine Figur selektiv wahrnimmt. Ein Kind bemerkt in einem Raum möglicherweise etwas vollkommen anderes als eine Kommissarin. Eine verliebte Person sieht andere Details als jemand, der gerade Todesangst hat.

Die Wahrnehmung verrät also gleichzeitig etwas über deine Figur.

2. Hören: Ein unterschätzter Spannungsgenerator

Geräusche können eine Szene innerhalb eines Satzes verändern. Stell dir eine Figur in einem dunklen Haus vor. Solange nichts passiert, ist die Situation vielleicht nur ein wenig unheimlich. Dann: Ein Knacken im Flur. Sofort verändert sich die Atmosphäre.

Geräusche eignen sich hervorragend, um Spannung aufzubauen:

  • Schritte hinter einer Figur.
  • Das Summen einer alten Lampe.
  • Eine Tür, die im Wind anschlägt.
  • Das sirrende Geräusch einer Mücke im Schlafzimmer.
  • Das Ticken einer Uhr in einem ansonsten stillen Raum.

Aber Geräusche können genauso gut Geborgenheit erzeugen. Vogelgezwitscher kann Leichtigkeit vermitteln. Das gleichmäßige Rauschen des Meeres kann beruhigen. Das Klappern von Geschirr aus einer Küche kann Heimat bedeuten.

Frage dich deshalb nicht nur: Was hört meine Figur?

Frage: Was bedeutet dieses Geräusch für sie?

3. Riechen: Der direkte Weg zu Erinnerungen

Gerüche werden beim Schreiben erstaunlich oft vergessen. Dabei können sie eine enorme Wirkung haben.

  • Der Duft von frisch gebackenem Brot.
  • Nasser Asphalt nach einem Sommerregen.
  • Frisch gemähtes Gras.
  • Pferdestall.
  • Gebrannte Mandeln.
  • Salzige Meeresluft.
  • Desinfektionsmittel.
  • Blut.

Schon einzelne Begriffe können Erinnerungen auslösen. Gerade deshalb eignet sich der Geruchssinn wunderbar für Rückblenden. Eine Figur läuft beispielsweise an einem Weihnachtsmarkt vorbei. Sie riecht gebrannte Mandeln – und plötzlich ist sie wieder zehn Jahre alt und hält die Hand ihrer Mutter.

Du brauchst keinen Satz wie: Sie erinnerte sich an ihre Kindheit. Der Geruch übernimmt den Übergang.

„Gerüche erklären Erinnerungen nicht. Sie öffnen einfach die Tür zu ihnen.“

Das macht Rückblicke häufig natürlicher und emotionaler.

Titelbild: Lampenfieber bei Lesungen? So meisterst du deinen Auftritt

4. Fühlen: Von kalten Händen bis zur Panik

Beim Fühlen gibt es zwei Ebenen. Die erste ist äußerlich. Wie fühlt sich die Umgebung an?

  • Warmer Sand unter den Füßen.
  • Feuchtes Moos.
  • Kalter Wind im Gesicht.
  • Ein rauer Wollpullover.
  • Eine klebrige Tischplatte.
  • Eine Hand auf der Schulter.

Schon kleine Details können eine Szene körperlicher machen.

Die zweite Ebene ist noch spannender: das innere Erleben. Hier kommen Gefühle ins Spiel. Statt zu schreiben: Sie hatte Angst. kannst du zeigen, wie sich die Angst körperlich bemerkbar macht.

  • Ihre Atmung wird flacher.
  • Die Hände werden kalt.
  • Der Mund trocken.
  • Sie hört ihren eigenen Herzschlag.
  • Vielleicht merkt sie plötzlich, wie unangenehm eng ihr Pullover am Hals sitzt.

Das ist Show, don’t tell in seiner stärksten Form. Der Leser bekommt nicht das Etikett „Angst“ präsentiert. Er erlebt ihre Auswirkungen.

5. Schmecken: Nicht nur etwas für Kochromane

Auch Geschmack kann Geschichten transportieren. Gerade Szenen rund ums Essen bieten enorme Möglichkeiten.

  • Eine versalzene Suppe.
  • Bitterer Kaffee.
  • Ein viel zu süßer Kuchen.
  • Das erste Stück Mango auf einer Reise.
  • Ein Gericht, das genauso schmeckt wie früher bei der Großmutter.
  • Essen kann Herkunft, Kultur, Erinnerungen und Beziehungen zeigen.

Gerade bei Geschichten, die in anderen Ländern spielen, kann Geschmack einen Ort oft intensiver vermitteln als eine lange Landschaftsbeschreibung.

  • Wie wird gekocht?
  • Was wird gegessen?
  • Welche Gewürze dominieren?
  • Wo sitzen die Menschen beim Essen?
  • Welche Gerichte sind mit bestimmten Situationen verbunden?

So wird Essen zu einem Teil deiner Welt.

Der sechste Sinn: Intuition

Neben den bekannten fünf Sinnen gibt es beim Schreiben noch etwas, mit dem du wunderbar spielen kannst: Intuition. Dieses kaum erklärbare Gefühl: Irgendetwas stimmt hier nicht.

Eine Figur kann einen Raum betreten und keinen konkreten Grund haben, misstrauisch zu sein. Trotzdem spürt sie etwas. Vielleicht ist es die Stille. Vielleicht ein Gegenstand, der nicht dort liegt, wo er sonst liegt. Vielleicht kann sie selbst noch gar nicht benennen, was ihr auffällt.

Diese Form der Wahrnehmung ist besonders interessant für Krimis, Thriller und Fantasy. Aber auch in Liebesromanen funktioniert sie hervorragend. Denn wir Menschen reagieren ständig auf Dinge, bevor wir sie bewusst analysiert haben.

Wie viele Sinneseindrücke braucht eine Szene?

Jetzt kommt die wichtige Einschränkung: Du musst nicht in jeder Szene alle Sinne verwenden. Im Gegenteil.

Wenn deine Figur am Meer steht und du gleichzeitig Wellenrauschen, Möwen, Sand, Wind, Salz, Sonnenwärme, den Geruch einer Strandbar und das Hupen eines Schiffes beschreibst, entsteht möglicherweise kein intensives Bild mehr. Dann entsteht Überforderung.

Besser ist: Wähle gezielt.

  • Welcher Sinn ist für diesen Moment besonders wichtig?
  • Vielleicht ist es die salzige Luft.
  • Vielleicht der Sand zwischen den Zehen.
  • Vielleicht das gleichmäßige Rauschen der Wellen, weil deine Figur nach einem Streit endlich zur Ruhe kommt.

Ein oder zwei starke Sinneseindrücke reichen häufig völlig aus.

„Gute Atmosphäre entsteht nicht durch möglichst viele Details, sondern durch die Details, die etwas bedeuten.“

Deine Leser sollen nicht zuschauen – sie sollen dabei sein

Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke beim Schreiben mit allen Sinnen. Ein Roman ist kein Stummfilm. Deine Leser sollen nicht lediglich beobachten, wie eine Figur durch einen Wald geht, an einem Strand steht oder einen Tatort betritt.

  • Sie sollen neben ihr stehen.
  • Den Wind hören.
  • Den Geruch wahrnehmen.
  • Die Kälte spüren.

Und vielleicht dieses kleine Knacken hinter sich hören, bei dem sie sich beinahe genauso schnell umdrehen möchten wie deine Figur. Genau dann entsteht Kopfkino. Und genau dann wird aus einer beschriebenen Szene ein Erlebnis.

Dein nächster Schritt

Öffne heute eine Szene aus deinem Manuskript und suche nach einer Stelle, an der du hauptsächlich beschreibst, was deine Figur sieht. Dann ergänze genau einen weiteren Sinn. Nicht fünf. Nur einen.

  • Vielleicht ein Geräusch.
  • Einen Geruch.
  • Eine Temperatur.
  • Eine Berührung.

Und prüfe danach, wie sich die Szene verändert.

„Deine Leser sollen die Geschichte nicht nur sehen. Sie sollen für einen Moment vergessen, dass sie überhaupt lesen.“


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