Mut zur Vielfalt: Warum Geschichten queere Heldinnen und Helden brauchen

Wer Bücher schreibt, erschafft neue Welten. Welten voller Abenteuer, Hoffnung, Liebe und Veränderung. Doch lange Zeit ähnelten sich viele Geschichten erstaunlich stark. Die Heldin war jung, schlank und verliebte sich fast immer in den geheimnisvollen Helden. Andere Lebensrealitäten kamen oft gar nicht vor.

Genau deshalb gewinnen Bücher mit vielfältigen Figuren heute immer mehr an Bedeutung. Sie erzählen Geschichten, in denen sich deutlich mehr Menschen wiederfinden können. Im Interview im Bookerfly-Podcast spricht Fantasy-Autorin Ewelyne Aschwanden darüber, warum sie bewusst queere Charaktere schreibt und weshalb Mut dabei wichtiger ist denn je.

Warum Repräsentation in Büchern so wichtig ist

Viele Leserinnen und Leser erinnern sich an den Moment, an dem sie in einer Buchhandlung standen und einfach kein Buch fanden, das ihre eigene Lebenswelt widerspiegelte.

Wenn Menschen sich in Geschichten nicht wiederfinden, entsteht schnell das Gefühl, nicht dazuzugehören. Gute Literatur kann genau das Gegenteil bewirken. Sie zeigt, dass unterschiedliche Lebensentwürfe selbstverständlich sind.

Gerade Jugendliche suchen nach Figuren, mit denen sie sich identifizieren können. Wenn diese fehlen, verlieren manche sogar die Freude am Lesen.

„Jede Geschichte kann einem Menschen zeigen: Du bist nicht allein.“

Repräsentation bedeutet dabei weit mehr als Vielfalt um der Vielfalt willen. Es geht darum, authentische Charaktere zu erschaffen, deren Persönlichkeit im Mittelpunkt steht – nicht ausschließlich ihre sexuelle Orientierung oder Identität.


Fantasy bietet unbegrenzte Möglichkeiten

Fantasy gehört zu den spannendsten Genres überhaupt. Warum? Weil Autorinnen und Autoren nicht an unsere gesellschaftlichen Regeln gebunden sind.

Sie können Welten erschaffen,

  • in denen Vielfalt selbstverständlich ist,
  • in denen Liebe keine Grenzen kennt,
  • in denen Vorurteile gar nicht existieren,
  • oder in denen gesellschaftliche Probleme über Metaphern erzählt werden.

Dadurch entsteht Raum für neue Perspektiven.

Viele Leser erleben solche Geschichten zunächst als spannende Fantasy-Abenteuer und erkennen erst später die Parallelen zur realen Welt. Genau darin liegt eine große Stärke dieses Genres.

Fantasy ermöglicht es, schwierige Themen zugänglich zu machen, ohne belehrend zu wirken.


Mut bedeutet auch, Gegenwind auszuhalten

Wer neue Wege geht, bekommt nicht nur Zustimmung.

Ewelyne Aschwanden berichtet im Interview im Rahmen des Bookerfly Umsetzungskongresses, dass sie für eine Plus-Size-Heldin und ihre vielfältigen Figuren teilweise heftige Kritik erhalten hat. Noch bevor das Buch erschienen war, entstanden Diskussionen über das Cover, die Figur und deren Körperbild.

Solche Reaktionen zeigen jedoch vor allem eines: Neue Perspektiven verändern Gewohnheiten. Wer jahrzehntelang immer dieselben Figuren gelesen hat, reagiert manchmal irritiert auf andere Geschichten. Dabei wünschen sich viele Leserinnen und Leser genau diese Veränderung. Eine Heldin muss sich nicht erst verändern, um liebenswert zu sein.

  • Sie darf mutig sein.
  • Sie darf Fehler machen.
  • Sie darf Abenteuer erleben.
  • Und sie darf genauso bleiben, wie sie ist.

„Vielfalt beginnt dort, wo Figuren nicht mehr erklärt werden müssen.“


Titelbild: Ist deine Romanidee stark genug für ein ganzes Buch? 7 Fragen zur Prüfung

Authentische Charaktere statt Klischees

Eine vielfältige Figur funktioniert nicht automatisch, nur weil sie queer ist. Entscheidend ist ihre Persönlichkeit.

Authentische Figuren besitzen:

  • Stärken und Schwächen
  • Ziele
  • Ängste
  • Humor
  • Entwicklung
  • Beziehungen

Ihre Identität ist Teil ihrer Geschichte, aber niemals ihre komplette Geschichte.

Ein hilfreiches Werkzeug sind sogenannte Sensitivity Reader. Sie prüfen Manuskripte auf eine glaubwürdige Darstellung bestimmter Lebensrealitäten und helfen dabei, ungewollte Klischees zu vermeiden. Auch darüber spricht Ewelyne Aschwanden im Interview.

Gerade wenn Autorinnen und Autoren über Erfahrungen schreiben, die sie selbst nicht gemacht haben, kann dieses Feedback enorm wertvoll sein.


Was Autorinnen und Autoren daraus lernen können

Wenn du gerade an deinem eigenen Buch arbeitest, lohnt sich eine ehrliche Frage: Sind deine Figuren wirklich unterschiedlich? Oder greifen sie immer wieder auf dieselben Muster zurück?

Mehr Vielfalt entsteht nicht durch Checklisten. Sie entsteht durch echte Neugier auf Menschen.

Sprich mit anderen. Lies Bücher außerhalb deiner eigenen Komfortzone. Hinterfrage stereotype Rollenbilder.

Und vor allem: Trau dich.

Denn Geschichten verändern nicht nur Leserinnen und Leser. Sie verändern auch unsere Sicht auf die Welt.

„Die stärksten Geschichten zeigen nicht perfekte Menschen – sie zeigen echte Menschen.“

Bücher schaffen Identifikation. Sie schenken Hoffnung, Verständnis und manchmal sogar den Mut, sich selbst anzunehmen. Je vielfältiger unsere Geschichten werden, desto mehr Menschen fühlen sich gesehen.

Gerade Fantasy zeigt eindrucksvoll, dass andere Welten oft dabei helfen, unsere eigene besser zu verstehen. Wer heute schreibt, hat die Chance, Geschichten zu erzählen, die Türen öffnen – für andere und vielleicht auch für sich selbst.

„Die besten Figuren passen nicht in Schubladen, sie bleiben den Leserinnen und Lesern im Herzen.“

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Das Interview mit Evelyne Aschwanden findest du auch auf unserem Bookerfly-Podcast.