Starke Figuren schreiben: Was erfolgreiche Autorinnen über ihre Charaktere wissen
Spannende Figuren erkennt man nicht daran, dass sie besonders laut auftreten. Man erkennt sie daran, dass sie echt wirken. Dass sie etwas in uns auslösen. Dass wir das Gefühl haben, wir kennen sie. Oder noch besser: Wir wollen mehr über sie erfahren.
Genau darum ging es in diesem spannenden Interview mit Jennifer B. Wind und Autorin Eva Reichl im Rahmen des Bookerfly Umsetzungskongresses 2025. Ihre Mühlviertler Krimi-Reihe rund um Oscar Stern zeigt sehr deutlich, wie wichtig es ist, Figuren nicht nur oberflächlich anzulegen, sondern sie wirklich bis in kleine Details hinein zu kennen.
Denn Leser merken sofort, ob eine Figur nur für die Handlung gebaut wurde oder ob da ein echter Mensch auf der Seite steht.
Und genau das ist für dich als Autorin oder Autor ein entscheidender Punkt: Wenn du willst, dass deine Leser mitgehen, musst du deine Figuren so gut kennen, dass sie nicht nur funktionieren, sondern leben.
„Eine Figur wird nicht durch ihre Rolle glaubwürdig, sondern durch ihre Widersprüche, Gewohnheiten und Erinnerungen.“
Warum starke Figuren über den Erfolg deines Buches entscheiden
Viele Schreibende konzentrieren sich zuerst auf Plot, Aufbau oder Spannung. Das ist verständlich. Schließlich soll die Geschichte tragen. Aber selbst der beste Plot verliert an Kraft, wenn die Figuren darin blass bleiben. Leser bleiben selten nur wegen der Handlung. Sie bleiben wegen der Menschen, die diese Handlung erleben.
Gerade in Reihen ist das noch deutlicher. Natürlich möchte man wissen, wer der Täter war oder wie der Fall ausgeht. Aber was viele Leser wirklich bindet, sind die Figuren, die sie von Buch zu Buch begleiten. Ihre Eigenheiten. Ihre Entwicklung. Ihre Beziehungen. Ihre kleinen Marotten. Genau deshalb ist Figurenarbeit nicht bloß Vorbereitung. Sie ist Fundament.
Wenn deine Hauptfigur in Band eins schwarzen Kaffee trinkt und in Band drei plötzlich Milch und Zucker liebt, ohne dass das bewusst entwickelt wurde, fällt das auf. Vielleicht nicht dir sofort. Aber deinen Lesern sehr wohl. Vor allem dann, wenn sie mehrere Bände hintereinander lesen.
Das klingt nach einem Detail. Ist es auch. Aber gute Figuren bestehen genau aus solchen Details.
Wie Figuren überhaupt entstehen
Ein schöner Punkt aus dem Interview ist, dass Figuren nicht immer am Reißbrett entstehen. Manchmal sind sie plötzlich da. So, wie eine Idee auftaucht. Ein Gesicht. Eine Stimme. Eine Haltung. Ein Gefühl dafür, dass diese Figur tragen könnte.
So beschreibt es auch Eva Reichl. Manche Figuren tauchen einfach auf. Und erst wenn klar ist, dass sie Potenzial für mehr haben, beginnt die gezielte Ausarbeitung.
Das ist ein wichtiger Gedanke. Denn viele Schreibende glauben, Figurenentwicklung müsse von Anfang an völlig logisch und systematisch sein. Aber oft beginnt sie intuitiv. Entscheidend ist, was du dann daraus machst.
Sobald du merkst, dass eine Figur mehr sein soll als nur ein Werkzeug für die Handlung, brauchst du Tiefe. Dann lohnt es sich, genauer hinzusehen. Was hat diese Person erlebt? Was prägt sie? Welche Verletzungen, Gewohnheiten, Vorlieben und Ängste bringt sie mit?
Erst an diesem Punkt beginnt aus einer Idee ein Charakter zu werden.
„Figuren ploppen manchmal im Kopf auf. Glaubwürdig werden sie erst, wenn du anfängst, ihnen ein Leben zu geben.“
Warum eine Figurenbiografie so wertvoll ist
Einer der praktischsten Tipps aus dem Interview ist die Arbeit mit einer Figurenbiografie. Und zwar nicht nur in groben Stichpunkten, sondern wirklich detailliert.
Das bedeutet: Du notierst nicht nur Name, Alter und Beruf. Du gehst tiefer.
- Welche wichtigen Ereignisse gab es im Leben dieser Figur?
- Was hat sie geprägt? Welche Beziehungen sind wichtig?
- Was mag sie? Was verabscheut sie?
- Wie reagiert sie unter Druck?
- Welche alltäglichen Gewohnheiten hat sie?
Dabei muss längst nicht alles direkt im Buch auftauchen.
Und genau das ist der Punkt, den viele unterschätzen. Du entwickelst diese Informationen nicht nur für den Leser, sondern vor allem für dich selbst. Damit du beim Schreiben weißt, wer diese Figur wirklich ist. Damit ihre Reaktionen stimmig bleiben. Damit sie nicht je nach Szene plötzlich anders funktioniert, nur weil der Plot es gerade braucht.
Eva Reichl arbeitet dafür mit Excel. Das klingt erst einmal sachlich, ist aber hochpraktisch. Gerade wenn du an einer Reihe schreibst oder viele Figuren koordinierst, wird so ein System Gold wert. Denn Konsistenz ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis guter Vorbereitung.
Auch Nebenfiguren brauchen Tiefe
Ein besonders spannender Gedanke aus dem Interview: Nicht nur Hauptfiguren sollten ausgearbeitet sein. Auch Nebenfiguren, Familienmitglieder und sogar bereits verstorbene Personen aus der Vorgeschichte können wichtig sein. Warum? Weil Menschen nie losgelöst von ihrem Umfeld existieren.
Jeder von uns trägt Erinnerungen mit sich. Geschichten aus der Kindheit. Sätze von den Großeltern. Rituale in der Familie. Kleine Dinge, die geblieben sind. Genau diese Spuren machen Figuren lebendig. Wenn eine Figur sich daran erinnert, wie ihre Großmutter Kaffee getrunken hat, ist das mehr als Dekoration. Es zeigt Herkunft, Prägung und emotionale Tiefe. Es macht aus einer Figur jemanden mit Vergangenheit.
Und das ist für Leser spürbar.
Plötzlich ist da nicht mehr nur eine Ermittlerin oder ein Kommissar. Da ist ein Mensch mit Familiengeschichte, Eigenarten und inneren Bildern. Jemand, der nicht erst auf Seite eins begonnen hat zu existieren.
Wie du Figuren in einer Reihe konsistent hältst
Wer an einer Buchreihe schreibt, kennt das Problem: Mit jedem Band wächst nicht nur die Geschichte, sondern auch die Menge an Informationen. Figuren entwickeln sich weiter, Beziehungen verändern sich, Gewohnheiten kommen hinzu. Ohne System wird das schnell unübersichtlich. Gerade hier zeigt sich, wie wichtig saubere Figurenarbeit ist.
Du brauchst einen Ort, an dem du festhältst, was für diese Figur gilt. Lieblingsessen, Kleidungsstil, Eigenheiten, familiäre Beziehungen, wiederkehrende Erinnerungen, Vorlieben, Abneigungen. Ja, sogar welche Schuhe jemand trägt. Das klingt vielleicht übertrieben. Ist es aber nicht.
Denn genau diese scheinbar kleinen Dinge erzeugen Wiedererkennbarkeit. Leser lieben solche Details, weil sie Figuren greifbar machen. Und sie merken es sofort, wenn etwas nicht zusammenpasst.
Besonders wichtig wird das, wenn Leser nicht jeden Band direkt nach Erscheinen lesen, sondern mehrere hintereinander. Dann fallen Inkonsistenzen viel schneller auf. Deshalb gilt: Verlass dich nicht auf dein Gedächtnis. Schreib es auf.
Wie sich Figuren über mehrere Bände entwickeln dürfen
Eine Serienfigur darf sich natürlich verändern. Sie soll sich sogar verändern. Sonst bleibt sie statisch und verliert an Spannung. Aber diese Entwicklung braucht Maß.
Im Interview wird deutlich, dass Figuren in einer Reihe nicht zwingend in Echtzeit altern müssen. Das ist ein kluger Ansatz. Sonst wäre eine lang laufende Reihe irgendwann an einem Punkt, an dem zentrale Figuren aus Altersgründen ausscheiden müssten, obwohl weder Autorin noch Leser das wollen.
Wichtiger als das exakte Alter ist ohnehin die spürbare Entwicklung.
- Was lernt die Figur dazu?
- Welche Beziehungen verändern sich?
- Was wird weicher, härter, vorsichtiger oder mutiger?
- Welche Erfahrungen prägen sie neu? Wie geht sie mit Verlust, Verantwortung oder Nähe um?
Eine gute Serienfigur bleibt erkennbar sie selbst und wird trotzdem mit jedem Band ein Stück tiefer.
Das ist die eigentliche Kunst.
Wie neue Leser trotzdem gut einsteigen können
Ein weiterer wichtiger Punkt aus dem Interview betrifft Reihen generell: Wie schreibst du so, dass auch Leser einsteigen können, die die früheren Bände nicht kennen? Die Lösung ist elegant und simpel. Frühere Ereignisse werden nicht breit erklärt, sondern in kurzen, geschickten Hinweisen eingebaut. Gerade so viel, dass neue Leser folgen können. Aber nicht so viel, dass Stammleser sich gelangweilt fühlen.
Das ist auch für deine Figurenführung relevant.
Denn je klarer du weißt, was deine Figur schon erlebt hat, desto besser kannst du entscheiden, was du an welcher Stelle erwähnst. Du kannst kleine Rückblicke einbauen, Erinnerungen andeuten oder Beziehungen knapp einordnen, ohne gleich die ganze Vorgeschichte auszubreiten.
So entsteht Tiefe, ohne dass der Text schwerfällig wird. Und im besten Fall passiert noch etwas Schönes: Neue Leser bekommen Lust, die früheren Bände auch noch zu lesen.
Gute Figuren entstehen nicht nebenbei
Wenn du starke Bücher schreiben willst, dann nimm deine Figuren ernst. Nicht nur als Besetzung deiner Handlung, sondern als Menschen mit Geschichte, Widersprüchen, Gewohnheiten und Beziehungen.
Genau das macht den Unterschied zwischen einer Figur, die ihren Zweck erfüllt, und einer Figur, die im Kopf bleibt.
Du musst dafür nicht jede Einzelheit veröffentlichen. Aber du solltest sie kennen. Denn was du über deine Figuren weißt, fließt immer in den Text ein. In kleine Gesten. In Dialoge. In Reaktionen. In Zwischentöne. Und genau dort entsteht Glaubwürdigkeit.
„Leser verlieben sich nicht in perfekt gebaute Figuren. Sie verlieben sich in Figuren, die sich echt anfühlen.“
Je besser du deine Figuren kennst, desto lebendiger wird deine Geschichte.
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